über 30 JahreIm Februar 1981 wurde unser erster Film für das Fernsehen gedreht. Mit dem Titel „Jeder braucht ein Du“ portraitierte dieser 30-minütige Film die engagierte Hilfe von Laien für psychisch Kranke. Realisiert wurde der Film für die Redaktion „Gott und die Welt“ im Auftrage des Westdeutschen Rundfunks.

Es folgten seit dem viele weitere spannende Dokumentationen und Reportagen für die unterschiedlichsten Redaktionen und Sender. Mehr dazu auf diesem Portal.
WDR

Schafabtrieb auf Island (Ausschnitt)

Wer in die entlegenen Regionen möchte, hat es wegen der fehlenden Straßen etwas schwerer. Da bleibt häufig nur das Flugzeug. Landeplätze gibt es auch in entfernten Gegenden Islands.

Als die Wikinger nach Island kamen, brachten sie ihre eigenen Transportmittel mit. Boote - und Pferde. Ihre Nachfahren sind die berühmten Islandpferde. Robust, zottelig und freiheitsliebend. Die Isländer sind vernarrt in diese Tiere. Aber sogar Menschen aus aller Welt kommen nach Island der Pferde wegen. Sie buchen einen Reiterurlaub auf einem Hof wie diesem hier in dem kleinen Städtchen Hetla, am Rande des Naturschutzgebiets von Landmannalauga. Die Landwirte haben das Potential ihrer Pferde erkannt.

(O-Ton Marie)

Das zieht die Reitertouristen an. Ein paar Tage in freier Natur, auf dem Rücken der Pferde wie früher Vieh eintreiben. Der Schafabtrieb ist DAS Herbstereignis auf Island. Jedes Jahr müssen hunderttausende Schafe aus dieser kahlen Wildnis zurückgetrieben werden. Wir haben uns entschlossen, den Rest der Woche mit dem Vermieterpaar und ihren französischen Reitergästen beim Schafabtrieb zu verbringen. Es geht hinauf zum Basislager. Die Gäste sind den ganzen Tag zu Pferd unterwegs.
Auf halber Strecke treffen sie die professionellen Treiber und den Mann, der ihnen die nächsten Tage sagen wird, wo es lang geht. Cheftreiber Kristinn Gudnarson. Seine Stellung ist unanfechtbar. Er wird auch der "König" genannt.

Er hat bei diesem Schafabtrieb die Befehlsgewalt. Die Viehzüchter haben ihn zu ihrem "König" gewählt. Ihm vertrauen sie, kein anderer versteht offenbar so viel von Tieren wie der Pferdezüchter aus Hella. Für den Cheftreiber beginnt jetzt eine anstrengende Zeit. Für die vielen freiwilligen Helfer, die sich angeschlossen haben, und die Touristen ist es ein kleines Abenteuer.

Wir sind ganz in der Nähe des Vulkans Hekla. Immer wenn wir auftreten knirscht es, der Boden ist mit Aschegranulat bedeckt. Die Folge der heftigen Ausbrüche des Hekla. Auch die Berge ringsum sind Vulkane. Erstarrte Lavaströme reichen bis ins Tal. Diese einzigartige gelb, grün, rote Landschaft ist das Naturschutzgebiet von Landmannalauga, in dem man auch Wandertouren unternehmen kann. Sehr verlockend: die vielen heißen Quellen.

Ein warmes Bad in freier Natur - solange der Cheftreiber sie noch nicht braucht, nutzen die Reiterhelfer aus Frankreich die Chance! Wie fühlt es sich an?

(O-Ton Chantalle)

Vom Grund des glasklaren Baches steigt bis zu 80 Grad heißes Wasser auf. An den Gasblasen überall, ist das gut zu erkennen. Tief unter der Erde trieft das Gebirgswasser auf heißes Gestein des nahen Vulkans und wird dort aufgekocht. Schwefelgeruch verrät seinen Ursprung. Selbstverständlich wird die Schutzhütte von Landmannalauga mit dem heißen Wasser der Quelle versorgt. Das garantiert bis in den Winter hinein, freie Wasserleitungen und gastfreundliche Wärme.

Das ist für die nächste Woche unser Stützpunkt. Und für mehr als 60 Pferde, 60 Reiter und die vielen Helfer, die auf der Schutzhütte von Landmannalauga während des Schafabtriebs stationiert bleiben. Und das erwartet uns: Eine Woche ohne Strom, ohne fließendes Wasser, mit vielen Menschen auf engsten Raum untergebracht. Und das nach einem 12 Stunden Tag im Sattel. Doch 3000 Schafe müssen von dem Sommerweiden gesammelt werden. Kristinn Gudnason bekommt Unterstützung von den Bauern in der Umgebung und professionellen Treibern. Für den Schafabtrieb kommen sogar Städte wie Reykjavik in die Wildnis. Morgen gehts los.

Frühmorgens in der Küche. Landfrauen übernehmen die Versorgung der gut fünfzig Treiber. Das bedeutet auch, den Tagesproviant zusammenzustellen. Finanziert wird der enorme Aufwand aus der Gemeinschaftskasse. Die Touristen, auch wenn sie aktiv dabei sind, müssen für das Abenteuer zahlen. Die Verpflegung ist einfach, aber gut. Zu essen gibts Lammfleisch in allen Varianten. Gekocht, gebraten und gegrillt. Ab und zu auch Fohlensteak.

Bei Haferbrei und heißer Schokolade wird Energie getankt. Um 06.00 Uhr ist die Nacht endgültig vorbei. Dann fangen die Profis an, ihre Pferde zu satteln. Bald sind auch alle anderen Bewohner der Schutzhütte draußen. Es ist jetzt schwer zu beurteilen, wer zu den Bauern, zu den Treibern oder zu den Urlaubern gehört. Arbeitsteilung ist jetzt wichtig.

Ein wenig Abseits der Hütte, stehen die übrigen Islandponys. Jeder Reiter, der bis in die Gletscherregion hinauf muss, nimmte in Reservepferd mit. Für die Tiere kann der Aufstieg sehr beschwerlich sein. Jeder trägt zwar ein bisschen Verantwortung, aber einer muss den Überblick behalten. Und das ist ab sofort Kristinn Gudnason. Er ist der Boss für Profis und Helfer.

(O-Ton Kristinn Gudnason)

Mit dabei ein Oldtimer von 1953. Der Dodge hat wie sein Fahrer schon zahllose Expeditionen erlebt und dient jetzt als Versorgungsfahrzeug.

Um acht geht es los. Kristinn hat seine Leute eingeteilt und gibt auch den Hobbytreibern letzte Anweisungen. Die Reiter sind warm angezogen. Am Morgen liegen die Temperaturen draußen vor der Hütte nur knapp über null Grad.

Aufbruch. Rund um das Basislager von Landmannalauga scheint inzwischen die Sonne. Straßen gibt es hier oben nicht und Brücken schon gar nicht. Immer wieder werden die Treiber im Nirgendwo abgesetzt. Warten auf den Funkspruch der Vorhut. Erst wenn auf der anderen Seite des Höhenzuges alle in Position sind, geht es von dieser Seite zu Fuß bergauf.

Gut 500 Meter Höhenunterschied für die Männer und Frauen. Wer hier keine Kondition hat, wird schon beim ersten Aufstieg scheitern. Nach einer knappen Stunde, sind die meisten auf Position. Oben am Gletscher ist es ungemütlich. Zwischen brodelnden Quellen und Schwefeldämpfen sind jedoch keine Schafe zu sehen.

Mehr Glück mit dem Wetter haben die französischen Helfer unten am Fluss. Von dort aus sollen sie die Schafe in die Zange nehmen. Weit verstreut in einem Radius von 30 Kilometern grasen die Tiere auf spärlich bewachsenen Bergen und in abgelgenenen Tälern. Sie zu finden, ist nicht einfach. Da sind Ortskenntnisse von Vorteil. Deshalb sind auch immer erfahrene Reiter mit dabei.

Die Treiber auf dem gegenüberliegenden Berghang haben Glück. Jetzt kommt es mit ihrem Zusammenspiel mit den Reitern auf der anderen Seite der Bergkette an. Kristinn selbst kommt ihnen zu Hilfe. Er kentn hier jeden Höhenzug und jedes Tal, wenn er losreitet weiß er ganz genau in welche Richtung die Schafe fliehen könnten. Sind sie erst einmal auf dem Weg nach unten, haben die Treiber gewonnen.

Am Steilhang warten schon Reiter und begleiten die Tiere ins Tal. Kristinn ruft jetzt per Funk die Wagen, die weiter unten warten. Weiter oben im Gelände wollen ein paar Schafe nicht so recht. Das erfordert sportlichen Einsatz und gute Reaktionen. Mit ihren Tieren können die Fänger auch ganz behutsam umgehen. Im einen oder anderen Fall. Endlich sind auch die Fahrzeuge für den Abtransport der Schafe in Sicht. Von der Gruppe Touristen, die in die Berge geritten sind dagegen, ist nichts zu sehen.